Konzentrations­mangel in der Online-Branche

Bei keiner anderen geistig-sozialen Fähigkeit von Menschen, mit denen ich beruflich in Kontakt komme, stelle ich im Allgemeinen ein so spürbares Nachlassen zu meinen ersten Berufsjahren fest, wie bei der Fähigkeit sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Es ist, wie ich finde, zu einer großen, allerdings nur selten thematisierten Herausforderung in einer Branche geworden ist, in der fast ausschließlich mit geistigen und sozialen Fähigkeiten gearbeitet wird. Ich möchte deswegen über Gründe für diesen zunehmende Unkonzentriertheit im Berufsleben nachdenken.

Meine Ausführungen ziehen vor allem persönliche Erfahrungen und nur wenige empirische Daten heran, da es diese entweder kaum oder dann doch nur in sehr verallgemeinerter Form (z.B. weltweites Daten- oder E-Mailaufkommen, durchschnittliche Anzahl E-Mails etc.) und nicht speziell für die Online-/IT-Branche gibt. Die eingestreuten, zuspitzenden Zitate dienen zur Untermauerung meiner Ansichten, daher sind folgende Gedanken auch als Streitschrift zu verstehen.

Konzentrationsmangel ist keine neue Feststellung

Die Beobachtung, dass sich zu konzentrieren, eine große, immer schwieriger werdende Aufgabe darstellt, wurde bereits lange vor der Bereitstellung des Internets von Soziologen benannt, wobei ich unterstellen möchte, dass die Stärke und Größe jener Herausforderung in der damaligen Zeit, wenn man sie vergleichbar messen könnte, ungleich kleiner war:

Sich zu konzentrieren ist in unserer Kultur noch weit schwieriger, wo alles der Konzentrationsfähigkeit entgegenzuwirken scheint….

Wenn man auf rasche Erfolge aus ist, lernt man eine Kunst nie. Aber für den modernen Menschen ist es ebenso schwer, Geduld zu haben, wie Disziplin und Konzentration aufzubringen. Unser gesamtes Industriesystem ist genau dem Gegenteil förderlich: der Geschwindigkeit.“

Erich Fromm, 1956 *1

Ablenkungen, die Menschen (in der westlichen Welt) davon abhielten, eine Aufgabe mit voller geistiger Aufmerksamkeit zu bearbeiten, gab es auch damals schon reichlich: Radio, Fernsehen, Zeitungen und Werbung seien genannt, die den Menschen mit ihren produzierten Informationen auf andere Gedanken brachten und ihn passiv beschäftigt hielten, was letztlich nichts anderes bedeutete, als sich eben nicht aktiv auf die „Lösung der gestellten Aufgabe, Erreichung kurzfristiger Ziele oder Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit“ einlassen zu können (Wikipedia, Definition von Konzentration).

Fromm erwähnte übrigens auch das Trinken und das Rauchen als konzentrationshinderliche Zerstreuungen, was zumindestens in Bezug auf das Rauchen auch im heutigen Berufsleben gar nicht so abwegig ist. Als ich als Personalvorgesetzter arbeitete, gab es von Zeit zu Zeit in internen Führungskraft-Sitzungen Beschwerden, dass einzelne Mitarbeiter mehr beim Rauchen im Hof oder vor der Tür als beim Arbeiten gesehen wurden und man Zweifel habe, ob diese wirklich „voll bei der Sache seien, vor allem wenn man sich ihre kargen Arbeitsergebnisse ansehe, die nicht gerade für konzentriertes Arbeiten sprechen würden“.

Futuristische Werkhalle

In Zeiten des Internet-Technopols

Ich möchte einen weiteren Soziologen zitieren, der bezogen auf das überschwemmende Angebot von Informationen und den durch sie ausgelösten Reizen bereits kurz vor dem Internetzeitalter in seinem Buch Technopol vor der „Entmündigung der Gesellschaft durch Maschinen“ warnte und dessen Anhänger stark angriff. Als Technopol wird dabei von ihm ein Kultur- und Geisteszustand bezeichnet, der Technologie vergöttlicht.

Sie halten auch die Information für einen ungetrübten Segen und meinen, die fortgesetzte und unkontrollierte Erzeugung und Verbreitung von Information bringe mehr Freiheit, größere Kreativität und mehr Seelenfrieden. Daß die Information zu alledem nichts beiträgt, sondern gerade das Gegenteil bewirkt, scheint kaum jemanden zu beirren, denn der unerschütterliche Optimismus, der sich hier bekundet, ist selbst ein unvermeidliches Produkt der Struktur des Technopols. – Neil Postman, 1992 *2

Wer hierbei an die Philosophie von Facebook und dem Silicon Valley im Allgemeinen denkt, liegt vielleicht nicht ganz falsch, auch wenn der mittlerweile verstorbene Postman darüber sich später nie tiefgehend oder gar negativ äußerte.

Jetzt mag es paradox erscheinen, dass ich in der Branche tätig bin, die genau diese Richtung einschlägt.

Doch hier gilt es zu differenzieren: Ich möchte betonen, dass für mich die leichtere Zugänglichkeit und Verarbeitbarkeit von Wissensinformationen sowie die Bereitstellung von Dienstleistungen in digitaler Form, also der Gedanke hinter dem Ursprungsansinnen von Internet und Computern, die Attraktivität ausübt, mich beruflich dieser Branche zu widmen.

Sehr kritisch sehe ich jedoch das Verarbeiten von Daten zur Durchleuchtung von Menschen, die massenhafte Produktion von neuen, zumal oft wertlosen Informationen, worüber Postman schrieb, dass „die Menschen und Gesellschaften mit dem Übermaß nicht mehr fertig werden und alle Abwehrmechanismen der Gesellschaft erodieren und Menschen, im Glauben, sich dann besser orientieren zu können, selbst anfangen zum Erzeuger von Informationen zu werden“.

Daher möchte ich nun herleiten, wie anhand der fortlaufenden Entwicklung der Arbeitswelt in der Branche sich Informationsmengen und Ablenkungsfaktoren verändert haben. Diese Ausführungen basieren gemäß dieser Retrospektive auf eigenen Erfahrungen.

Die Evolution der Informationsfülle im Internetzeitalter

Die frühen Jahre vor 2000

In der Frühphase des Internets bis zur Jahrtausendwende waren überwiegend von Menschen geschriebene E-Mails oder per E-Mail verschickte Arbeitsdokumente meist die einzige eingehende digitale Information, der man sich im Berufsleben stellen musste. Wissensaufbereitung (Spezifikationen, Dokumentationen) erfolgte meist noch in Dateien, die auf Netzlaufwerken innerhalb des Unternehmens abgelegt wurden. Alle anderen digitalen Informationen, mussten aktiv im Internet, Intranet oder Newsgruppen gesucht und beschafft werden. Mit den ersten Webplattformen, die sich nicht nur um Informationsbereitstellung sondern auch Prozessverarbeitung kümmerten, trafen auch zunehmend von Software automatisiert versendete E-Mails ein, um über auszuführende Arbeitsschritte zu informieren. Die Anzahl dieser Systeme war jedoch überschaubar.

Privater Internet-Konsum während der Arbeitszeit

Ablenkungsfaktoren existieren damals vor allem in Form der immer zahlreicher werdenden Internet-Angebote, die während der Arbeitszeit privat konsumiert wurden. Die Attraktivität lag vor allem neben dem Reiz des Neuen darin, dass am Arbeitsplatz meist eine deutlich bessere und schnellere Infrastruktur als im Privaten zur Verfügung stand. Der naive Glaube, dass diese Nutzung nicht nachvollzogen werden könnte, obwohl es meist nicht gestattet war, hielt sich zudem viele Jahre sehr verbreitet. Neben dem Surfen auf Webseiten, dem Downloaden von deren Angeboten, nahmen auch Filesharing-Dienste wie Napster während der Arbeitszeit eine ablenkende Rolle ein.

In dieser Frühzeit war also der aktive, privat-motivierte Konsum von zugänglichen Informationen im Internet die der Konzentrationsfähigkeit hauptsächlich entgegenwirkende Größe. Das E-Mail-Aufkommen wurde zur damaligen Zeit subjektiv selten als störend empfunden.

Das Informationsaufkommen erhöht sich – die Jahre ab 2000

Automatisierte E-Mails werden zur relevanten Größe

Anfang der 2000er Jahre nahm, zumindestens für Projektleiter und Webentwickler, die Anzahl von E-Mails erheblich zu, die von Software automatisiert verschickt wurden. Issue-Management-Systeme zur Verwaltung von Aufgaben und Softwarefehlern sowie erste Ansätze, Wissen in Wiki-Systemen abzulegen, sorgten zunehmend für E-Mail-Statusbenachrichtigungen aus Arbeitswerkzeugen, die auch die Anzahl der von Menschen geschriebenen E-Mails überstieg.

Instant Messenger halten Einzug

Je nach Arbeitgeber wurde zu dieser Zeit erstmals beruflich akzeptiert, auch per Instant Messenger miteinander zu kommunizieren. Deren Einsatzzweck war es, wie aus dem Namen hervorgeht, eine digitale Sofortkommunikation durchzuführen und als „Chat“ in Konkurrenz zum direkten Gespräch oder Telefonat zu treten. Diese Form der Kommunikation (synchron) verschärfte im Gegensatz zur E-Mail (asynchron) den Reaktionszwang des Benachrichtigten. Besonders in Entwicklerkreisen setzte sich dieses Medium als weiteres Werkzeug zur Verteilung und zur Entgegennahme von Informationen durch, vielleicht weil so beim introvertierten Programmierer das lästige Sprechen umgangen werden konnte.

Unter Umständen wurden aufgrund der existierenden Vielzahl von Produkten, die nicht miteinander kompatibel waren, auch mehrere Messenger-Dienste zeitgleich genutzt. Hier verschwamm zudem die Grenze zwischen dienstlicher und privater Nutzung, da die Infrastruktur der meisten Dienste sich nicht mehr beim Arbeitgeber sondern im Internet beim jeweiligen Anbieter befand und die parallele private Nutzung mangels technischer Handhabe nicht untersagt werden konnte. Auch bot sich das Format in seiner sprachlich-zwanglosen Art noch besser als E-Mails dafür an, schnell und sofort auch private Inhalte auszutauschen.

Neben der weiterhin hohen privat-motivierten Internetnutzung während der Arbeitszeit war also in diesem Zeitabschnitt das berufliche E-Mail-Aufkommen in der Projektarbeit erheblich gestiegen, neue Software-Tools zur Projektarbeit hatten Einzug gehalten. Außerdem hatte sich mit Messenger-Diensten ein weiterer Kommunikationskanal im Berufsleben etabliert, so dass die Anzahl der Ablenkungsfaktoren für konzentriertes Arbeiten im Vergleich zur frühen Phase des Internets bereits deutlich angestiegen waren.

Der Einzug des kollaborativen Arbeitens ab 2005

Erste Grenzen der verarbeitbaren Informationen werden erreicht

Spätestens ab 2005 waren die bisherigen Ansätze, Informationen und Wissen zu verwalten und zu teilen, sowie digital beruflich miteinander zu kommunizieren, an ihre Grenzen gestoßen. Wissen im Unternehmen verteilte sich zunehmend dezentral, digitale Kommunikation entglitt mehr und mehr der intellektuellen Beherrschbarkeit insbesondere in der Teamarbeit, weil die dafür bereitstehenden Werkzeuge zunahmen und parallel eingesetzt wurden sowie gleichzeitig die Erfahrung im richtigen und angemessenen Umgang noch fehlte.

Ferner stiegen aufgrund des anhaltenden Online-Booms und der überwundenen wirtschaftlichen Delle nach 2001 die Projektanzahl und vor allem Projektgrößen mit Webtechnologie merklich an, was die Herausforderungen in der Teamarbeit merklich vergrößerte. Ich erlebte beispielhaft, damals in einem Projekt mit zahlreichen Unterprojekten und einer Produktentwicklung mit siebenstelligem Euro-Budget arbeitend, wie mit mehreren Werkzeugen kommuniziert wurde, wie Wissen brach lag, verloren ging oder falsch angewendet wurde, so dass nach einer gewissen Zeit einheitliche Arbeitsmethoden und Regelwerke zur Kommunikation in internen Workshops erarbeitet werden mussten, um der Lage wieder einigermaßen Herr zu werden.

Verschiedene einsetzende Trends, teilweise gegeneinander wirkend, beeinflussten zu dieser Zeit dabei die stattfindenden Diskussionen. Einerseits versuchte man die Informationsmengen zu bündeln, andererseits wurden Schritte zu noch mehr Informationserzeugung eingeleitet.

Neue Lösungen zur Informationszentralisierung greifen zu kurz

Zum einen war vielen Verantwortlichen der Unternehmen klar, dass Kommunikation möglichst kanalisiert werden muss und das dokumentiertes Projektwissen zentralisiert und besser zugänglich zu verwalten sei. Wie immer in der IT-Branche, standen für ein zuvor selbst geschaffenes Problem nun neue digitale Hilfsmittel zur Verfügung, die sogenannte Groupware, Software zur Gruppenarbeit. Deren Versprechungen waren groß, doch ihr Haupthandicap war, dass sie sich in bereits gelebte Infrastrukturen hätten aufwendig integrieren müssen und dafür oftmals die Zeit fehlte. Gleichzeitig hinkten ihre Fähigkeiten, Wissen zu verwalten, den darauf spezialisierten Wiki-Lösungen hinterher. Ihre Stärke war, und hier konnten sie sich auch behaupten, die Arbeitsorganisation per E-Mails, Kalender und Aufgaben in einer zentralisierten Plattform standardisiert und vor allem geordnet durchzuführen.

Trotz der stattfindenden Konsolidierung im Sinne von unternehmensweiten Festlegungen, wirkten andere Trends der Reduzierung der Werkzeuge entgegen:

Kunden werden zum digitalen Informationsproduzenten

Es wurde zu dieser Zeit mehr und mehr gängige Praxis, dass Dienstleister auch ihre Kunden aufforderten, die selben Werkzeuge (damals noch mit Ausnahme der Messenger-Dienste) zum Wissensaustausch zu verwenden, wie sie. Kunden wurden, abgesehen von E-Mails, die sie vorher auch schon schickten, nun zu einem weiteren Produzenten von Informationen, die über Drittplattformen (Wikis, Issue-Management-Systeme) verteilt wurden.

Einige Kunden lehnten die Werkzeuge des Dienstleisters ab und forderten für ihr Projekt dagegen die Nutzung ihrer eigenen schon vorhandenen Werkzeuge ein. Das erhöhte natürlich die Anzahl der zu nutzenden und per E-Mail Informationen produzierenden Plattformen für Mitarbeiter beim Dienstleister noch weiter. Vor allem bei jenen, die für mehrere Kunden und Projekte arbeiteten.

Wikis lösen nur teilweise die Office-Welt ab

Parallel wurden mit dem entstandenen Hype des Web 2.0 selbst zum Produzenten von Informationen werden zu können, die Werkzeuge, wie Wiki- oder Issue-Management-Systeme, von den jeweiligen führenden Produktanbietern viel stärker zu interaktiv-leicht-nutzbaren Plattformen ausgebaut, die nicht nur von eingefleischten IT-Leuten eingesetzt werden sollten.

Insbesondere Wiki-Systeme sahen sich als Konkurrenzprodukt zum Arbeiten in einer klassischen Textverarbeitung wie Word, da ihre Technologie ein paralleles, gemeinsames (kollaboratives) Arbeiten gestattete und erleichterten erheblich die Erstellung von zentralisierten Informationen, was auch zu einer gestiegenen Akzeptanz bei Nicht-Technik-affinen Kunden führte.
Wiki-Systeme haben es jedoch aufgrund unterschiedlicher Vorbehalte (Ablehnung aus Gewohnheit, Datenschutz, Benutzungskomfort) bis heute nicht geschafft, in der Projektzusammenarbeit von Dienstleistern mit Kunden, Software wie Word oder Excel grundsätzlich abzulösen.

Der Werkzeug-Zoo wird immer bunter

Zusammenfassend gesagt, wurde zu dieser Zeit die Entwicklung der Vorjahre eher noch zementiert, Projektinformationen und innerbetriebliches Wissen in einem bunten Zoo an uneinheitlichen Plattformen, Tools und Ablageorten zu verwalten. Hauptursache für eine damals nicht gelungene Wissensbündelung in den Unternehmen waren die doch sehr unterschiedlichen Fähigkeiten der zur Verfügung stehenden Werkzeuge, deren Schwächen meist durch den Einsatz eines weiteres Tools kompensiert werden mussten.

Berufliche Informationen wurden nicht nur noch mehr, da nun auch Kunden zum Projektwissen aktiv beitrugen, sondern sie wurden auch an noch mehr verschiedenen Orten mit verschiedenen Zugängen abgelegt.

Der Einzug von Smartphones

Hände mit Smartphones

Hatte bereits das Web 2.0 indirekt auch das berufliche Kommunikationsverhalten beeinflusst, in dem es populär wurde, nun selbst Wissen zu erzeugen und vornehmlich in Wiki- oder Blog-Systemen abzulegen, so kamen weitere aus der privaten Online-Nutzung hervorgegangene und bis heute anhaltende Dauertrends auf. Sie hatten zwar teilweise ihren Ursprung schon ein paar Jahre früher, aber wurden spätestens ab 2010 auch im Berufsleben als weitere externe Reizmaschinerie mit Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeiten wahrnehmbar:

Smartphones und soziale Netzwerke.

Smartphones als Statussymbol

Ein Smartphone vom Arbeitgeber bereitgestellt zu bekommen, galt und gilt als Statussymbol, was meist verdiente oder besonders wichtige Mitarbeiter oftmals schon aus eigenem Antrieb als materielle Wertschätzung erhalten wollten. Sie dienten zwar, wie Firmenhandys in den Jahren zuvor, im Wesentlichen dazu, dass der Mitarbeiter möglichst überall erreichbar ist bzw. selbst von überall andere Kollegen oder Kunden anrufen kann, aber der allgemein-übliche Konsum- und Besitz-Wille für diese Geräte verschleierte oder verdrängte, gerade bei Menschen, die in der Online-Branche tätig waren, diesen eigentlichen Hintergrund.

Kein Entkommen vor beruflichen Informationen mehr

Firmen, vor allem der IT-/ Online-Branche, öffneten zudem ihre internen Netzwerke, so dass neben der Telefonie auch die Internet-Technologie-Fähigkeiten der Smartphones ausgenutzt werden konnten und E-Mails als auch Zugänge zu internen Arbeitswerkzeugen auf diesen Geräten nutzbar wurden.

Waren in den Jahren zuvor vor allem E-Mail-Aufkommen, Wissensplattformen und  (Software-) Kommunikationskanäle im beruflichen Alltag angewachsen, so stand nun ein physisch-existierendes, weiteres Gerät zur Bereitstellung und Übermittlung von Informationen zur Verfügung, was aufgrund seiner Größeneigenschaften auch permanent bei sich geführt werden konnte.

Zwar dürfte die Informationsmenge durch den beruflichen Besitz eines Smartphones zu jenem Zeitpunkt noch nicht angewachsen sein, jedoch stieg je nach individueller Nutzung der Anteil an Zeit, in der Informationen konsumiert oder erzeugt werden konnten und damit stieg die Ablenkungsgefahr bei der eigenen Konzentrationsarbeit erheblich und in zuvor nie dagewesener Weise an.

Soziale Netzwerke verändern das Denken

Ich möchte nun tiefergehend die Auswirkungen sozialer Netzwerke auf das Berufsleben betrachten, da diese Internet-Plattformen zeitlich gesehen gegen Ende des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre eine grundlegende Veränderung in der geistigen Haltung mit und über Information herbeiführten.

Die Einwirkung von außen

War die bisherige berufliche Daten- und Informationsentwicklung in der Regel ein fortlaufend-linearer Prozess gewesen, bei dem mehr und mehr Informationen an immer mehr verschiedenen Orten und über wachsende unterschiedliche Kanäle für den Einzelnen greifbar gemacht werden mussten, so beeinflussten die Informationen sozialer Netzwerke auf andere Weise.

Ihre Wirkung trat von außen auf eine diffuse Art ein, indem sie das Denken und Handeln der Menschen im Umgang mit Informationen schleichend beeinflusste, so wie das in den 80er und 90er Jahren durch die gestiegene Anzahl von TV-Sendern und Printmedien beobachtet wurde.

Alle Informationen-ordnenden Institutionen, wie Medien, Politik, Bildungseinrichtungen und auch Religionen, gerieten mehr und mehr ins Wanken, weil die Informationsfülle nicht mehr beherrschbar geworden ist, wie Postman 1992 damals für die USA feststellte und für europäische Länder prophezeite.

Man kann das Technopol auch so definieren:

Es ist das, was einer Gesellschaft zustößt, wenn die Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme zusammengebrochen sind.

Es ist das, was eintritt, wenn die Institutionen einer Gesellschaft nicht mehr imstande sind, mit dem Übermaß an Information fertig zu werden.

Es ist das, was eintritt, wenn eine von technologisch erzeugter Information überwältigte Gesellschaft die Technologie selbst einzusetzen versucht, um sich zu orientieren, um klare Ziel- und Zweckbestimmungen zu gewinnen.

Dieses Bestreben ist fast immer zum Scheitern verurteilt. –  Neil Postman, 1992 *2

Diese Wirkung, die soziale Netzwerke später ebenso auslösten und die heute in der Öffentlichkeit diskutiert wird, sorgte auch im Beruflichen der Online-Branche für einen merkbar oberflächlicheren, vereinfachenden, verkürzten Umgang mit jeglicher Art von beruflicher Information, weil sich eine Ermüdung, eine von all den Reizen erschlaffte Fähigkeit sich gut konzentrieren zu können, breit gemacht hat.

Das Internet teilt sich – Programmierer geben das Internet aus der Hand

Soziale Netzwerke, die es eigentlich schon wenige Jahre vor dem Durchbruch der Smartphones in das Bewusstsein einzelner Internet-Nutzergruppen geschafft hatten, spielten in Online-Agenturen im Sinne des Berufsalltags zunächst kaum eine Rolle. Erst mit der steigenden Wahrnehmung in breiteren Bevölkerungsschichten, beschleunigt durch die Smartphone-Geräte und massive mediale Ermunterungen zur Nutzung, traten Unternehmen an Online-Agenturen mit dem Wunsch nach einer Unterstützung bei ihrer eigenen Social-Media-Präsenz heran.

Jedoch blieb die Informationsfülle, die diese Plattformen in zuvor nie gekannten Mengen hervorbrachten, für eine berufliche Nutzung im Sinne der Wissensaufnahme und -bereitstellung für IT-Experten bedeutungslos.

Für Werber, Marketingexperten, kreative Denker der Online-Branche sah dies jedoch anders aus. Sie waren beruflich und privat mit Enthusiasmus dabei zu beobachten, was dort für Trends entstanden und mit welchen Reizen und Auslösern sogenannte virale Effekte massenhaft die Aufmerksamkeit erlangen konnten. Reize auslösende Ideen wurden aus vorherigen Medienwelten übernommen und nun dem neuen Medium angepasst, aus der Schublade gezogen und schufen Postmans „Guckguck-Welt“ auch im Internet:

So ist eine neue Welt entstanden. Ich habe sie an anderer Stelle
die »Guckguck-Welt« genannt, in der bald dieses, bald jenes
Ereignis für einen Moment in den Blick gerät und gleich darauf
wieder verschwindet. – Neil Postman, 1992 *2

Nach meiner Beobachtung trennten sich zu diesem Zeitpunkt in den relevanten Berufsgruppen (nun in Deutschland, in Amerika schon eher) die Ansichten im Umgang mit Informationen im Internet, ihrem Sinn und Zweck, ja letztlich sogar ihrer ethisch-tragbaren Qualität.

Programmierer und auch ich, obwohl ich damals nicht mehr programmierte, überließen staunend, teils irritiert dabei einer neuen Gruppe die Gestaltung eines Teil des Netzes und gaben die Entwicklung von „Ideen, Ideologien und Praktiken“ aus der Hand, wie der Internet-Kritiker Morozov jenen nicht-technologischen Teil des Netzes in einem Interview bezeichnete:

Es gibt eigentlich zwei ›Internets‹. Bei dem einen geht es um eine Reihe von Protokollen und Standards – das ist das langweilige Internet. Das andere besteht aus Ideen, Ideologien und Praktiken. Ich habe kein Problem mit dem ersten, dem langweiligen Internet. Das Letztere ist jedoch aus meiner Sicht höchst unübersichtlich. –  Evgeny Morozov, 2015 *3

Ich behaupte, dass ein Bruch der in der Online-Welt arbeitenden Menschen hinsichtlich der Ziele und Ansichten über das Internet stattfand. Dieser Bruch mit der daraufhin eingetretenen Dominanz der neuen Gruppe übt eine Langzeitwirkung aus, welche unter anderem die geistige Fähigkeit sich zu konzentrieren, in stärkster Weise untergräbt.

Zwei Berufswelten im Internet verfestigen sich

Ich möchte noch etwas näher erläutern, welche Entwicklungen diese zwei sich verfestigenden Berufswelten begünstigten.

Für Programmierer, System- und Softwarearchitekten und andere Technologie-Experten waren soziale Netzwerke, abgesehen von Job-Netzwerken, nebensächlich, da sie darin nur geringe unmittelbare Auswirkung auf ihre tägliche Arbeit sahen.

Im Gegensatz zu Smartphones, die neue Webseiten oder neue Programme erforderlich machten und sich unmittelbar auf die beruflichen Tätigkeiten auswirkten, wurden soziale Netzwerke meist belächelt, da sie technologisch außer der reinen Größe nichts besonderes vorzuweisen hatten und inhaltlich befremdlich wirkten.

Für sie war das „langweilige Internet“ ihr Betätigungsfeld, in dem sie weiter an immer größeren Standards und Lösungen arbeiten konnten. Cloud-Computing und Big-Data waren die begleitenden technologischen Hypes jener Jahre, an denen sie tüfteln konnten, und mit denen sie auch den technischen Unterbau der sozialen Netzwerke implizit weiter verbesserten.

Für einen anderen Teil von Online-Arbeitern, ich nenne die damals entstandene Gruppe Online-Attention-Worker, die von ihrem Naturell extrovertierter oder zumindestens geschäftsorientierter als der klassische Programmierer waren, befand sich im Mittelpunkt aller beruflichen Fragen, wie man Nutzer für ein Online-Angebot gewinnen kann, wie man es mit Reizbeeinflussung schafft, im immer Informationsdschungel überhaupt wahrgenommen zu werden.

Neue Personen, selten mit einem Informatik-Ausbildungshintergrund, drängten als Spezialisten für SEO, Tracking, Online-Marketing und Social Media in die Branche und beschäftigten sich, teilweise bezahlt wie IT-Experten, damit, den Wahrnehmungswunsch ihrer Kunden zu erfüllen, in dem sie Informationen über die Online-Sichtbarkeit erfassten und auswerteten und daraufhin neue Informationen zu deren Optimierung generierten.

Angetrieben von Werbern und Marketing-Leuten und beeinflusst von den Hypes aus Silicon Valley, entwickelten diese neuen Spezialisten nun zusammen fortan Ideen, wie das menschliche Gehirn mit Reizen auf allen Kanälen (man sprach von 360°-Kommunikation in Web, Mobile-Apps, sozialen Netzwerken, Messengern, TV und sogar Druckerzeugen) bespielt werden konnte und beeinflussten viel stärker als je zuvor den Umgang mit digitalen Informationen.

Begünstigt bzw. erforderlich wurde diese Entwicklung aus der Logik der vorherigen Jahre, in denen so viele Informationen und immer wieder neue technische Werkzeuge zu deren Bändigung entstanden waren, die den Einzelnen darin „ertrinken“ ließen, so dass ihm nun sinnbildlich Rettungsringe in allerlei Farben und Sprüchen hingeworfen werden mussten, in der Hoffnung, dass er den „richtigen“ nimmt.

Das Verhalten aus sozialen Netzwerke greift um sich

Es gab einige belächelte Ereignisse, die ich bei mir bekannten Menschen aus der Online-Attention-Worker-Gruppe um 2008-2010 mitbekam, die zeigten, dass der Drang im Internet aufzufallen, gesehen und beachtet und virtuell gemocht zu werden, im Beruflichen für Kunden und andererseits im Privaten nicht mehr zu trennen war und anfing in Fleisch und Blut überzugehen und die Konzentrationsfähigkeiten untergrub.

Ich kann von einem angewiesenen Verbot berichten, während der Arbeitszeit privat zu twittern, nachdem jemand über die Langweile im Meeting, in dem sie gerade saß, die Welt informierte. Oder das ein großer Kunde, für den ich arbeitete, in seinem Firmennetzwerk den Zugang zu Facebook-Servern aufgrund der zahlreichen Nutzung blockieren musste. Oder das Mitarbeiter das Bloggen untersagt bekamen bzw. ihren Job verloren, als sie während ihrer Arbeitszeit, manchmal mehrmals täglich, Ergüsse über sich und andere Menschen in ihrem Blog mit Bild und Text kundtaten, was zu immer größeren Nutzerzahlen, auch im Kollegenkreis, führte. Oder vom Kollegen, der bei jedem Toilettengang sein Smartphone mitnahm und erst nach Ewigkeiten wiederkehrte.

Wand mit Gesichtern. Soziale Netzwerke.

Verhaltensmuster für gestörte Konzentrationsfähigkeiten im Berufsleben

Ich stelle abseits dieser Beispiele generell jedoch berufliche Verhaltensweisen fest, die wie eine Parallele dem Umgang vom Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen aus sozialen Netzwerken ähneln:

  • Schwierigkeiten, dass längere, selbst stark gegliederte Texte vollständig gelesen, geschweige denn ihr Inhalt richtig erfasst wird. Das Verständnis ist oft lückenhafter oder falscher als zu Beginn des Internetzeitalters.
  • Formulierte Anforderungen an ein Projekt (bspw. Use Cases) werden schlechter verstanden, obwohl sie in einfachen Sätzen aufbereitet werden
  • Fragen in E-Mails oder anderen digitalen Kommunikationswegen werden nur noch teilweise beantwortet, der Rest wird ignoriert.
  • E-Mails werden nicht „entdeckt“, d.h. nicht im Posteingang wahrgenommen
  • Schnelles Hinwegscrollen oder Hinwegwischen von Informationen
  • Schreibschwäche bzw. Schreibstile greifen um sich, bei dem sich selbst in Texten an Kunden nicht an die Rechtschreibung gehalten wird
  • Gestiegene Unruhe von Teilnehmern bei längeren Workshops oder Meetings, um eine Thematik ausführlich zu behandeln.
  • Regelmäßiger Drang zum Smartphone, Drang zur Pause
  • Sprachliche Kommunikation (per Telefon oder von Gesicht zu Gesicht) wird weniger und weicht der Chat-Kommunikation
  • Hohe permanente Aufmerksamkeit nach neuen Messenger-Nachrichten
  • Gesunkene Bereitschaft zu dokumentieren, Aufgaben oder Softwarefehler zu beschreiben
  • Spontane Übernahme anderer Aufgaben, entgegen der Absprache *5
  • Häufige Wechsel zwischen verschiedenen Aktivitäten *5

Ständiger Zustand fortgesetzter partieller Aufmerksamkeit

Natürlich wäre es nun hilfreich zu differenzieren. Betrifft es „Digitale Eingeborene“ und „Digitale Einwanderer“ gleichermaßen, sind Unterschiede zwischen den Berufsgruppen zu beobachten (Projektleiter, Programmierer, Kreative, Werber, Online-Attention-Worker)?

Dies ist nicht leicht zu beantworten. Ein Teil von Menschen, besonders jene nach ersten massiven Überlastungssymptomen, so meine Wahrnehmung, haben bereits Mechanismen entwickelt, sich vor zu viel Information zu schützen bzw. mit ihr so umzugehen, dass sie sich nicht nachhaltig schädigend auf die Psyche auswirkt. Ein großer Teil, insbesondere jüngere Menschen im Berufsleben, zeigen jedoch Symptome, wie oben aufgezählt.

Die in einer Studie in 2009 an Kindern, die im digitalen Umfeld aufwachsen, festgestellte Eigenschaft einer „fortgesetzten partiellen Aufmerksamkeit“, welche die Konzentrationsfähigkeit einschränkt, lässt sich jedenfalls, so meine Beurteilung, auch auf Erwachsene übertragen.

Typisch ist ein „Zustand fortgesetzter partieller Aufmerksamkeit“, den auch viele erwachsene Computernutzer kennen: Das Gehirn befindet sich in ständiger Alarmbereitschaft und hält ununterbrochen Ausschau nach einem neuen Kontakt oder einer spannenden Neuigkeit oder Information, hat aber keine Zeit mehr zur Reflexion oder Kontemplation. – Tagesspiegel, 2009 *4

Smartphones sind dabei zu dem Werkzeug geworden, mit welchem die Alarmbereitschaft in jeder Lebenslage aufrecht erhalten werden kann. Aber dies wäre eine andere Kritik.

Projekte heute

Nach gut zwei Jahrzehnten Online-Projektarbeit ergibt sich für mich heute einerseits nach wie vor jenes Bild vom Anfang und all den Jahren danach, nämlich das die Menge der vorhandenen Arbeitsinformationen größer als je zuvor ist und die zu ihrer Beherrschung und Anwendbarkeit jeweils kurz zuvor entwickelten Werkzeuge nur im begrenzten Rahmen helfen, die geistige Arbeit vor Überlastung zu schützen, falls sie nicht sogar das Gegenteil auslösen.

Werkzeugtypen grundsätzlich unverändert

Werkzeuge, wie Wissensbasierte Wiki-Systeme oder Ticketsysteme zur Aufgabenverwaltung, haben sich behauptet und durchgesetzt und zählen bei den meisten Dienstleistern der Online-Branche zum Standard, jedoch haben sich verschiedene digitale Kommunikationswerkzeuge in Form von Messenger-Diensten in großer Fülle breitgemacht (Wikipedia: in 2018 über 30 Dienste, in 2000 waren es 10) und schaden oft mehr als sie nutzen, weil sie einem Goldenen Hammer gleich für alles eingesetzt werden (siehe als Beispiel über den populären, gehypten Messenger-Dienst Slack: „Warum Slack der Produktivität schadet„).

Menschen im Dauerdruck von Informationen

Auf der anderen Seite, jener der Menschen, den Online-Projektarbeitern/innen insbesondere, muss sich permanent angepasst werden, ohne dabei je zur Ruhe zu kommen. Dort muss sich, um nicht zu „ertrinken“, der Informationsflut und jenen Werkzeugen, die diese Flut hervorgebracht haben, etwas mentales, halt-gebendes entgegen gestellt werden.

Sie, die betroffenen Menschen, entwickeln dazu innere, ganz individuelle Mechanismen, um aus ihrer persönlichen Sicht, von ihrem Wesen und Neigungen abhängig, für sie wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden. Sie springen, Maschinengleich, im permanenten Wechsel zwischen eintreffenden Informationen verschiedener Werkzeuge hin- und her.

Was nichts anderes bedeutet, als dass diese jeweils eigene Interpretation von wichtig und unwichtig und die unterschiedlichen Leistungsfähigkeiten für diese Art von Tätigkeit, ein mehr an Missverständnissen, Zeitbedarf und letztlich auch benötigter Nervenkraft zur Folge hat.

Die gesunkene Leistungsfähigkeit

Die Auswirkung des zuvor beschriebenen ist bereits in so einer Breite und Stärke in die Psyche vorgedrungen, quasi zum Normalzustand einer ganzen Branche, insbesondere im Dienstleistungsbereich, geworden, so dass es in der Projektarbeit erforderlich geworden ist, weniger komplex, weniger vielschichtig, mehr einfach und langsamer zu formulieren und zu handeln, um zu denselben qualitativen Ergebnissen in der Projektteamarbeit zu gelangen, wie zu Beginn des Internetzeitalters.

Zusammenfassend ist also meine These, dass die geistigen Konzentrationsfähigkeiten, um eine berufliche Aufgabe zu bearbeiten, gesunken sind. Gepaart mit der höheren Komplexität heutiger Online-/IT-Projekte, ist die Auswirkung davon auf die Projektarbeit zu einer deutlich größeren Herausforderung geworden. 

Statistiken

Auf der Suche nach „Zahlen“ für meine These, bin ich auf eine im Internet oft erwähnte 2015er Studie „Ein Goldfisch hat längere Aufmerksamkeit als der Mensch“ von Microsoft in Kanada gestoßen, die, wen wundert es, sich Sorgen macht, was diese Feststellung für die Werbung bedeutet. Abseits der Goldfisch-Vereinfachung bestätigen zwar Ergebnisse meine Einschätzung, lassen aber tiefere Detailfragen unbeantwortet. Telepolis schreibt dazu:

[Microsoft] … räumt auch ein, dass die Menschen zunehmend Schwierigkeiten hätten sich zu konzentrieren, was sich auf Leistungen in Schule oder Beruf auswirken würde.

Die Hypothese ist, dass die selektive und die alternierende Aufmerksamkeit für den digitalen Lebensstil am wichtigsten seien, mit ihnen ließe sich „das meiste“ aus digitalen Medien herausholen. Ob sich damit das Fundament des digitalen Lebensstils, die Entwicklung von neuen digitalen technischen Systemen und das Schreiben von komplexer Software bewältigen lässt, bleibt freilich offen. – Telepolis, 2015 *6

Etwas stärker mit Zahlen fundiert, untermauert eine bereits in 2013 erarbeitete Befragung von 800 Online-Experten zur Digitalisierung durch das Institut Ibi Research an der Universität Regensburg meine Einschätzungen:

Die stärksten Auswirkungen der Digitalisierung sehen 91 Prozent der Teilnehmer im Bereich der Arbeitswelt. 79 Prozent der befragten Experten stellen daher auch ein verändertes Verhalten der Arbeitnehmer im Arbeitsalltag durch die Social Networks fest: Fehlende Trennung von Beruflichem und Privatem, Abnahme von Höflichkeitsformen sowie Konzentrationsschwäche sind nur einige der spontan genannten Effekte. – Computerwoche, 2013 *7

(Update März 2019): Eine Studie von 1000 Büroangestellten in den USA (2018 Workplace Distraction Report), die sich mit den größten Ablenkungsfaktoren während der Arbeit befasst und dabei auch Unterteilungen in drei Altersguppen vornimmt, kommt unter anderem zu folgenden Feststellungen:

Die heutige Belegschaft leidet unter einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Während wir Geräte und Technologien zu einem festen Bestandteil haben werden lassen, haben wir nicht damit gerechnet, wie sie unsere Fähigkeit zur Konzentration zum intelligenten Arbeiten untergraben.

Mehr als ein Drittel der Millennials und Gen Z (36%) geben an, dass sie während des Arbeitstages zwei oder mehr Stunden damit verbringen, ihr Smartphone zu benutzen. Das bedeutet, dass sie mindestens zehn Stunden pro Woche nicht mir ihren beruflichen Aufgaben beschäftigen.

Die Hälfte unserer Arbeitsunterbrechungen sind selbst verschuldet, wie das Wechseln von einer Aufgabe hin zum Durchblättern von Instagram „für eine Minute“.

Die meisten Umfrageteilnehmer (58%) gaben an, dass sie keine sozialen Medien benötigen, um ihre Arbeit zu erledigen, aber sie es trotzdem nicht schaffen, ohne soziale Medien den Arbeitstag zu verbringen.

Die Hälfte (51%) unserer Umfrage gab an, dass ihre Arbeitgeber die Nutzung von Social Media tatsächlich einschränken.

Die meisten Arbeitnehmer (84%) schätzen, dass sie sich innerhalb einer halben Stunde wieder konzentrieren können. Leider legen andere Untersuchungen nahe, dass Menschen ihre Fähigkeit, sich von Unterbrechungen zu erholen, überschätzen, ganz zu schweigen von den schädlichen Auswirkungen, die eine Unterbrechung von drei Sekunden haben kann. Die Menschen kompensieren Unterbrechungen, indem sie schneller arbeiten. Dies hat jedoch einen Preis: mehr Stress, Frustration, Zeitdruck und Mühen.

*Udemy-Report, 2018 *8

Ausblick

Einen Ausblick zu geben, der sich mit der Fähigkeit des Konzentrationsvermögens von Menschen in der Online-Branche befasst, ist unweigerlich ein Ausblick, der sich mit Fragen der Entwicklung der Informationsmenge, deren Bereitstellung und Verarbeitung befassen und im Grunde die komplexen Beeinflussungen auf die Psyche von verschiedensten künftigen indirekten Faktoren in den Blick nehmen muss, so wie es Soziale Netzwerke und Smartphones beispielsweise getan haben.

Es besteht Handlungsbedarf

Ich gehe davon aus, dass man in wenigen Jahren durchaus stärker diskutieren wird, dass die bis dann weiter gestiegene Informationsmenge, die auf den Menschen einwirkt, sich relevant schwächend hinsichtlich seiner geistig-sozialen Fähigkeiten geäußert hat und ein „Handlungsbedarf“ bestehen wird, um sich als Gesellschaft nicht zurück zu entwickeln oder bestenfalls zu stagnieren.

Während soziale Netzwerke bereits jetzt den Weg in das „Tal der Enttäuschung“ des Hype-Zyklus gehen, weil die von diesen Plattformen mit ihrer Fülle an Informationen ausgelöste Desorientiertheit zu einer zumindestens innerlichen Abwendung der Menschen geführt hat, wird es auf Seite der Wirtschaft noch nicht ernst genommen, dass mit dem Übermaß an Informationen die Produktivität ihrer Mitarbeiter sinken statt steigen wird. Damit dürfte aber in Kürze zu rechnen sein, da die Digital Natives in die Berufswelt drängen und in breiterem Maße die neuen, reduzierten Konzentrationsfähigkeiten sichtbar werden, die in den vergangenen Jahren bereits an den Schulen festgestellt wurden.

Eine mögliche technologische Antwort

Ich erwarte darauf, nüchtern gesprochen, selbstverständlich eine technologische Antwort, weil dies dem als „normal“ betrachteten Vorgehen unserer Zeit entspricht und keine bedeutsame Instanz (Politik, Medien, Schulen) existiert, die ein solches Vorgehen als falsch ansehen würde.

Vermutlich werden bei dieser Antwort Mechanismen eingeführt, die man zur Zeit unter dem Begriff „Künstlicher Intelligenz“ erprobt, und die zum ergänzenden Bestandteil oder einer Ersetzung von bisherigen wissensbasierten und kommunikativen Werkzeugen in IT-/Online-Projekten werden. Dabei werden Filterfunktionalitäten versuchen, die Informationsmenge zu reduzieren, die beruflich auf den Einzelnen einwirkt. Ein „intelligentes“ Werkzeug (ich nenne sie KI-Projektassistenz – siehe hier) entscheidet, welche Nachricht, welche Information dem Anwender zu welchem Zeitpunkt vorgelegt wird. Diese KI-Projektassistenz wird auch versuchen, bestimmte verteilt vorliegende Einzelinformationen zusammenzuführen, bevor sie dem Menschen als gebündelte Information dargebracht wird.

Die KI-Projektassistenz wird Mitglied jedes Projektteams sein.
Die Entscheidungen, welche Projektkommunikation und Information für den Menschen wichtig und unwichtig ist, wird also eine Software und nicht mehr das Gehirn treffen.

Oder spielt der Mensch eine Rolle?

Nach der gesunkenen Konzentrationsfähigkeit würden wir also bald über Ängste des Kontrollverlustes und eine noch tiefere Entfremdung von der Arbeit sprechen, auch wenn das von denen, die sich mit Künstlicher Intelligenz ein Geschäftsmodell versprechen, natürlich anders gesehen wird.

Ob das in dieser Weise eintreten wird, bleibt jedoch auch abzuwarten. Einerseits sind die Fähigkeiten von Künstlicher Intelligenz, die derzeit nicht zum ersten Mal während meines Berufslebens gehyped werden, noch nicht dort, wo Propheten sie sehen, auf der anderen Seite dürfte auch die Informationsflut an Grenzen stoßen, da, auch wenn derzeit kaum beachtet, die IT-Branche die natürlichen Ressourcen nicht unerheblich ausbeutet und nicht endlos wachsen kann.

Des Weiteren ist auch die Reaktion der Menschen im Umgang mit der ihnen dargebotenen Technologisierung von Informationen nicht so linear vorhersehbar, wie die Technopolisten glauben. Widerstände, konstruktiver aber auch destruktiver Art, aktiv wie passiv, sind durchaus möglich, die im positiven Fall zum Ergebnis haben, dass nicht das „Wohlergehen“ der Technologie, also der Interessen deren Verfechter, sondern der Menschen als Ziel verfolgt wird.

Projektteamarbeit in der Online-Branche (und auch anderen Branchen) wird jedenfalls noch stärker denn je mit Fragen konfrontiert sein, bei denen veränderte geistig-soziale Fähigkeiten oder auch Nicht-Fähigkeiten der einzelnen Individuen sichtbar werden und darüber entscheiden, ob ein Projekt gelingt oder nicht gelingt.

 

Anhang – Tipps zur Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit

Folgende von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin herausgegebene Studie befasst sich ausführlich mit dem Thema „Wohlbefinden im Büro“ und schaut nicht nur auf das Thema „Konzentration“ sondern auch auf Aspekte der Arbeitsplatz-Gestaltung.

Der Blog Simplizist, der sich mit „Minimalismus und Selbstmanagement im Alltag“ beschäftigt, stellt 8 Tipps für mehr Konzentration zusammen. Auch wenn ich die dortige Forderung nach „Früh aufstehen“ nicht teile, sondern es jeder Einzelne individuell bewerten muss, ob er frühs oder abends produktiver ist, so möchte ich folgenden Blog-Beitrag empfehlen:

Die Seite Selbst-Management geht noch tiefer auf ablenkende Störungen und deren Vermeidung ein, um damit die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Auch wenn die Seite mit Werbung für ein dazugehöriges Buch etwas überfrachtet ist, so werden mehrere alltägliche Beispiele, die Online-Arbeiter nur zu gut kennen, geschildert und Vermeidungsstrategien benannt.

Zitate

*1 – Erich Fromm – Die Kunst des Liebens (Wikipedia)

*2 – Neil Postman – Technopol (Rezension bei Zeitgeistlos)

*3 – Evgeny Morozov – Interview: „Don’t believe the hype“

*4  – Tagesspiegel, Von Reiz zu Reiz

*5 – Sprechzimmer.ch, „Konzentrationsstörungen“

*6 – Telepolis – Microsoft-Studie zeigt, dass mit dem „digitalen Lebensstil“ die Aufmerksamkeit beeinträchtigt wird

*7 – Computerwoche – Wie Digitalisierung und Social Media die Arbeitswelt verändern
*7 – Studie im Original bei Insurance Factory (PDF)

*8 – 2018 Workplace Distraction Report – Udemy Research (PDF), Englisch